18
September
Loft Concerts presents

Das Paradies

Details

  • Datum 18.09.2022
  • Start 20:00
  • Einlass 19:00
  • Kategorie
  • VVK 22€ zzgl. Gebühren

So ein doppelter Boden ist schon faszinierend. In dem engen Zwischenraum lagern oft
gut gehütete Geheimnisse und Kostbares. Magier lassen im doppelten Boden gerne
Dinge verschwinden. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Florian Sievers, alias „Das
Paradies“, ausgerechnet während seiner Arbeit an seinem neuen Album „Transit“ einen
zweiten Boden in seinem Leipziger Studio eingezogen hat. Dem Zweitling haftet auch
etwas Rätselhaftes und zugleich Magisches an.
Es sind die Kontraste, die Zwischenräume, die Das Paradies ständig sucht und findet.
Über dem gesamten Album „Transit“ schwebt eine schwer zu greifende Klangwolke, an
allen Ecken und Enden knarzt, zirpt und flackert es, mal bedrohlich, mal unheimlich und
melancholisch, dann wieder wohlig warm. Da warten überall neue Soundcollagen, die
auf- und wieder abschwellen, die vordergründig und hintergründig zugleich sind. „Die
klangliche Dichte in den Songs ist nach und nach zum Konzept geworden. Es ging
darum, die Hierarchie zwischen den Instrumenten aufzubrechen. All diese Töne und
Geräusche sollten sich gegenseitig festhalten“, sagt Sievers über seine neue Musik, die
sich elektronischer gibt als bisher und mehr Haken schlägt
Mit „Goldene Zukunft“ gelang Florian Sievers 2018 eines der bemerkenswertesten
deutschsprachigen Debütalben der vergangenen Jahre. Plötzlich war da einer, der Songs
schreiben konnte, die irgendwie neu waren, die sich so lustvoll und unverkrampft vom
dem abhoben, was der deutschsprachige Pop musikalisch und lyrisch zu bieten hatte.
Paradies-Songs: Das sind eingängige, identitätsstiftende, inspirierende Songs, die
niemals flach sind und immer gespickt mit blitzgescheiten Metaphern.
Die Dinge kamen ins Rollen. Man unternahm ausgedehnte Konzertreisen, unter anderem
mit Element of Crime (Sven Regener spielt im Opener von „Transit“ die Trompete). Im
Herbst 2020 kam dann die EP „sammlung 1/ pause an der kurve in vektoria“, die einem
völlig anderen Prinzip folgte. Die Gitarren verstummten. Auch Sievers selbst schwieg. Am
Gesang und Spoken Word hörten wir Gastsänger:innen wie Keshavara, Albrecht
Schrader oder Mira Mann.
Wie schon bei der EP war auch bei den Aufnahmen zu „Transit“ das Studio das wichtigste
Arbeitsinstrument. In einem Atelier im Westen der Stadt hat sich Sievers eines
eingerichtet – ja, genau, das mit dem doppelten Boden. Hier entsteht mitunter Film- und
Theatermusik. Hier arbeitet er für und mit anderen Bands und Musiker:innen an deren
Songs und Sounds. Und hier hat er auch die meisten Spuren für „Transit“ eingespielt,
Instrumente arrangiert, Collagen aus Geräuschen, Sounds und Glitches gebaut. Sicher:
Wer sein Album „Transit“ nennt, muss auch unterwegs gewesen sein. So hat Sievers
auch von Ausflügen nach München, Wien und Nordfriesland immer wieder Schnipsel und
Versatzstücke seiner Klangwelten mit nach Hause genommen. „Das Schreiben, das
Aufnehmen und das Klangsuchen: All das hat sich gegeneinander angezogen und
abgestoßen“, sagt er selbst. Kontraste also, wieder einmal.
So ist auch das mit den Texten auf „Transit“ eine spezielle Sache. Sievers scheint Claims
zu finden, sie als Hinweis zu verstehen und als Portal in die Songs zu nutzen, durch die
er seine Figuren führen kann. Was in einem Mix aus Collage und Stream Of
Consciousness entsteht, wirkt erstaunlich konkret. So erzählt uns Sievers von den
Dingen, „die wir uns heute sagten“, oder darüber „dass du im Schlaf lachst“, er beklagt
einen „Verschleiß von dir und mir“, oder berichtet, wie er in Wien von einem Fremden
gebissen wurde. Alltägliches, Rückschläge, Skurriles, Beklemmendes, dann aber auch
wieder Momente der Hoffnung werden da verarbeitet. „Transit“ erzählt von Menschen an
Kipppunkten, vom Gefühl der Entrückung und der traurig-schaurigen Leichtigkeit des
Seins. Das Erbauliche liegt auch lyrisch mehr im Dazwischen als im Offensichtlichen. „Ich
glaube, in Zwischenräumen finden wir neue Ideen und Perpektiven, da werden neue
Türen aufgestoßen und neue Verbindungen geknüpft“, sagt Florian Sievers. Man kann in
diesen Songs wohnen und wird immer wieder neue (Zwischen-)Räume finden.
Gleichzeitig sind sie voller Zeilen, die man sofort im Geiste notiert.
Das war auch beim Debütalbum so. Und doch hebt sich „Transit“ von seinem Vorgänger
ab, beschreitet neue Pfade, wagt Neues. Sievers befreit sich von Erwartungen und
erfindet sich immer wieder neu. Sein Alias scheint für ihn ein Ort zu sein, an dem alles
passieren darf. „Vielleicht ist Transit das zweite erste Album vor dem dritten ersten
Album“, sagt Sievers selbst.
Ob es einen Genrebegriff für diese Musik gibt? Florian Sievers entfernt sich mit diesen
Songs auf jeden Fall noch einmal einige Schritte von dem, was in deutscher Musik sonst
so geschieht. Als Referenz taugen deshalb wohl weniger deutschsprachige Acts, eher
sind es The Notwist, Unknown Mortal Orchestra oder Damon Albarn die einem in den
Sinn kommen. Womöglich ist „Transit“ ein weiterer Baustein in der Beweiskette, dass die
Idee klassischer Genre-Zuschreibungen in der Musik auserzählt ist. Womit wir also
wieder bei diesem magischen Zwischenraum des doppelten Bodens wären.